Archiv der Kategorie 'Aufrufe'

Freie Republik Perversistan – Aufruf zum Emanzipatorischen Block auf dem CSD

„Ich sah mich so um und wusste auch schon: Von nun an geht’s bergab.“ – Hildegard Knef

Und auch wenn wir uns heute so umgucken, haben wir kein gutes Gefühl. Bei der Bundestagswahl letztes Jahr holte die AfD in Sachsen die meisten Stimmen, die sächsische CDU trifft sich mit Viktor Orbán, Seehofer, der noch in den 80ern „spezielle Heime“ forderte, in denen man HIV-positive Menschen „konzentrieren“ solle, ist mittlerweile Innen- und Heimatminister, in ganz Europa sind faschistische und rechtspopulistische Parteien auf dem Vormarsch, die neben Rassismus und Antisemitismus vor allem auf klassische Vorstellungen von Männlein und seiner Ergänzung dem Weiblein und der heterosexuellen Familie aufbauen. Aber auch der Islamismus ist weiterhin auf dem Vormarsch und richtet sich gegen Frauen und lgbti. So werden im Iran immer noch Schwule an deutschen Kränen erhängt oder vom IS von Hausdächern in den Tod gestürzt.

„Get off the internet! Destroy the right wing!“ – Le Tigre

Bei all der Scheiße um uns herum wird es also Zeit was zu tun, nur was? Während sich die Rechten aller Couleur eine Vergangenheit zurücksehnen, die nie existiert hat, und die erkämpften Freiheiten von Frauen, People of Colour und lgbti wieder abschaffen wollen, fehlt es an einem Gegenentwurf. So wichtig die Rechte, die wir uns erkämpft haben, auch sind, so reichen sie noch lange nicht aus: Die Eheöffnung gilt noch immer nicht in gleichem Maße für Lesben, das Transsexuellengesetz ist immer noch eine Zumutung für trans* Personen und unter Heimathorsti ist auch kein Fortschritt in der Diskussion um die dritte Option von intergeschlechtlichen Menschen im Personenstand zu erwarten. Deswegen kann sich ein Kampf gegen Rechts auch nicht darauf beschränken, diese Rechte nur zu verteidigen.
Aus diesem Grund wollen wir die Freie Republik Perversistan ausrufen! Damit wollen wir anfangen darüber nachzudenken, wie eine andere Welt aussehen kann, ohne sie am Reißbrett zu entwerfen. Das heißt, sie kann nur entstehen, in dem wir das, was jetzt ist, kritisieren, um daraus zu lernen, wie eine andere Welt aussehen kann.

„Let’s start a war at the gay bar“ – Electric Six

Nicht zuletzt wollen wir auch dieses Jahr daran erinnern, dass es sich bei den Stonewall-Riots nicht um einen friedliche Kundgebung handelte, sondern um eine gewaltsame Auflehnung gegen die Unterdrückung durch den Staat. Wir wollen auch wieder daran erinnern, dass es keine weißen Mittelklasse-Schwulen waren, sondern Sex-Worker, schwarze und hispanische trans* Frauen und alles, was die Szene sonst noch an Abschaum zu bieten hatte, die sich damals gegen eine Razzia im Stonewall Inn wehrten und damit die Prostestwelle auslösten. Auch in diesem Gedenken steht die Freie Republik Perversistan!

Wer nicht wütend ist, denkt nicht! – Aufruf 2017

„Wer nicht wütend ist, denkt nicht“

„1969 schrieb der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno den Satz: „Wer denkt ist (in aller Kritik) nicht wütend.“ Im selben Jahr entschlossen sich vor allem obdachlose Jugendliche, Trans*idente, Drag Queens of Colour und Butches im Stonewall Inn sehr wohl wütend zu werden. Sie leisteten militanten Widerstand gegen eine Razzia und damit gegen die rigide Sexualmorol, homo- und trans*feindliche Gewalt und die Willkür staatlicher Behörden.
Und auch wir wollen uns dieses Jahr nicht unter das Motto des Leipziger CSDs stellen: „Stop Hate“. Nicht nur wird so das Gedenken an den Aufstand auf eine gefällige, irgendwie moralische und inhaltsleere Forderung runtergebrochen; es beschreibt auch recht gut ein allgemeines Verhältnis zur Welt. Es ist vom heimischen Sofa aus natürlich einfach gegen Hass zu sein. Nur verändert hat sich damit immer noch nichts: Weder der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung in Syrien, dem Irak oder Afghanistan, noch der Vormarsch der rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien in Nordamerika und Europa, oder die Tatsache, dass immer noch hunderte Menschen an den europäischen Außengrenzen sterben oder in Tschetschenien systematisch schwule Männer verfolgt, gefoltert und ermordet werden.
Der ursprünglich radikale Kampf, der 1969 begann, ist im Laufe der Zeit abgeflacht und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Anstatt die radikale Kritik fortzuführen und unterdrückenden, diskriminierenden Strukturen und Institutionen gegenüberzutreten, verschwindet die Erinnerung an die Stonewall-Unruhen unter dem Namen Christopher-Street-Day (CSD) oft zwischen Volksfeststimmung und Parteienwahlkampf. Wir wünschen uns natürlich keine Zeit zurück, in der sexuelle und geschlechtliche Differenz wieder mit Steinen und Flaschen gegen die Knüppel der Polizei verteidigt werden müssen. Dennoch bleibt der CSD Ausdruck dessen, dass Straffreiheit und eine vergleichsweise große Liberalität noch lange nicht gleichbedeutend sind mit einer wirklichen Emanzipation. Das und die räumliche Präsenz, die der CSD innerhalb der Gesellschaft noch immer hat, zeugen von seinem politischen Potential für gesamtgesellschaftliche Veränderungen. Und diese Veränderungen sind bitter notwendig! Wer in Anbetracht des aktuellen Weltgeschehens mit moralisch erhobenem Zeigefinger ein Ende des Hasses fordert, sitzt dem Irrtum auf, dass es die einzelnen Menschen sind, die sich ändern müssten und nicht die Verhältnisse. Gerade wenn wir uns kritisch mit der Welt, in der wir leben, auseinandersetzen, werden wir wütend, fangen an zu hassen. Der Hass, den wir meinen ist ein Hass auf Strukturen und nicht auf Menschen. Der Hass, den wir meinen, ist aber kein dumpfer, projektiver Hass aus Ressentiment, wie er sich von Pegida bis zur AfD findet. Der Hass, den wir meinen, ist Produkt und Motor unserer Kritik.

Emanzipatorische Kämpfe verbinden! Kurz-Aufruf zum emanzipatorischem Block zum Leipziger CSD

Auch dieses Jahr wird es wieder den emanzipatorischen Block geben. Wir werden an der Demonstration teilnehmen, ebenso wird es spannende Veranstaltungen zu Themen wie Kapitalismuskritik, Geschichte der Homosexualitäten und der neuen Rechten geben. Wir – das ist ein Bündnis verschiedener Gruppen und Einzelpersonen aus Leipzig, die in kritischer Solidarität dem CSD gegenüberstehen.

Das Erstarken der AfD, die Demonstrationen „besorgter Eltern“ und der „Schweigemarsch für das Leben“ haben eines gemeinsam: Sie propagieren ein konservatives Familienbild und unemanzipatorische Rollenbilder, in denen die freie Entfaltung des Individuums hinter rechtskonservativen und nationalen Bestrebungen zum Erhalt der „eigenen Bevölkerung“ zurückstehen muss. Unter dem Deckmantel des „Kindeswohl“ werden Homo-, Trans* und Inter*feindlichkeit ebenso wie Sexismus „kultiviert“, das Recht der freien Entscheidung über den eigenen Körper moralisiert und abgesprochen. Gleichzeitig wird der Kampf gegen Sexismus und Homofeindlichkeit rassistisch instrumentalisiert. Mit Blick auf diese Entwicklungen müssen wir uns fragen, ob die Ergebnisse vergangener Kämpfe nicht wieder verloren werden können. Gleichzeitig stellt sich die Frage, warum der Staat überhaupt das Recht haben sollte, über das Leben einzelner Menschen zu bestimmen.

Die klassische geschlechterstereotype Rollenverteilung ist essentiell für das kapitalistische System. Nach wie vor gibt es eine gesellschaftlich breit akzeptierte Unterscheidung von Arbeit in sichtbare/honorierte Lohnarbeit und unsichtbare/mit wenig Wertschätzung verbundene Carearbeit, welche zu circa 80% von Frauen* ausgeübt wird. Die Folge sind nicht selten finanzielle Abhängigkeit und Armut. Carearbeit muss (finanzielle) Wertschätzung erfahren und endlich unabhängig vom sozialisierten Geschlecht gerecht verteilt werden.

Statt Familien dort zu fördern, wo sie stattfinden, wird an Eheprivilegien festgehalten. Wir kritisieren die Strategie der Anpassung queerer Lebensweisen an bestehende Machtverhältnisse. Wir fordern eine selbstbestimmte und partizipatorische Lebens- und Familienplanung jenseits staatlicher Institutionalisierung und ohne Sanktionierung individueller Entscheidungen.

Menschen, die in ihren Herkunftsstaaten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität verfolgt werden, erhalt oftmals kein Asyl, obwohl in den Herkunftsländern Haftstrafen, Gewalt und teilweise die Todesstrafe drohen. In Deutschland angekommen setzen sich Gewalterfahrungen für sie oft fort, weil Rassismus und Diskriminierung Alltag sind. Rassismus, der nicht nur Geflüchtete betrifft, sondern auch andere Queers of Colour, und zum Teil auch innerhalb der queeren Szene stattfindet.

Wir positionieren uns klar gegen Rassismus und Sexismus und alle anderen Diskriminierungsformen. Die gängige Hierarchisierung von Diskriminierungen ist nicht nur grundsätzlich abzulehnen, sie führt auch dazu, dasz marginalisierte Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Wir rufen dazu auf, den Solidaritätsbegriff zu reflektieren, zu hinterfragen und auf Augenhöhe mit allen Beteiligten neu zu besetzen.

Der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben muss auch auch ein Kampf gegen Staat, Nation und Kapital sein. Wir kämpfen nicht nur für eine sexuelle Befreiung, sondern für eine befreite Gesellschaft. Wir wollen lieben, wen und wie wir wollen. Wir wollen die zweigeschlechtliche und sexistische Geschlechterordnung abschaffen, die allgegenwärtige Heteronormativität hinter uns lassen, nationale Grenzen einreiszen und die kapitalistischen Verhältnisse überwinden. Wir kämpfen für ein grenzenlos solidarisches und selbstbestimmtes Leben.

Die Infos zu unseren Veranstaltungen findet ihr hier. Den langen Aufruf hier.

Aufruf 2016

Emanzipatorische Kämpfe verbinden! Aufruf zum emanzipatorischem Block zum CSD

Auch dieses Jahr wird es wieder den emanzipatorischen Block geben. Wir werden an der Demonstration mit einem eigenen Wagen und Redebeiträgen teilnehmen, auszerdem wird es spannende Veranstaltungen vor, während und nach der CSD-Woche geben. Wir planen Filmvorführungen, Diskussionen und Workshops zu Themen wie Kapitalismuskritik, Geschichte der Homosexualitäten und kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und kulturellen Dimensionen von Homo-, Trans*, und Inter*feindlichkeit. Wir – das ist ein Bündnis verschiedener Gruppen und Einzelpersonen aus Leipzig, die in kritischer Solidarität dem CSD gegenüberstehen.

Mit Blick auf die Stonewall Riots 1969, an die der Christopher Street Day erinnern will, sehen wir die Notwendigkeit an deren Radikalität zu erinnern. Der Ausgangspunkt dieser Unruhen war eine polizeiliche Razzia im Stonewall Inn, einer Bar in der Christopher-Street in New York, die auch den innerhalb der Szene marginalisierten Queers einen Raum bot. So waren es vor allem obdachlose Jugendliche, Trans* of Colour, Schwarze Drag Queens und Butches, die am 28. Juni 1969 Opfer der staatlichen Repression wurden. Doch die kriminalisierten Menschen zerstreuten sich nicht. Sie blieben und initiierten einen ersten, fünf Tage andauernden militanten Widerstand gegen die rigide Sexualmoral, die homo- und trans*feindliche Gewalt und die Willkür staatlicher Behörden. Sie besetzten den öffentliche Raum; Queers setzten sich gemeinsam gegen die Pathologisierung und Kriminalisierung ihrer geschlechtlichen und sexuellen Identitäten zur Wehr.

Die Identitäten von Menschen sind nicht nur durch ihr Geschlecht oder ihr sexuelles Begehren bestimmt, vielmehr können sich unterschiedlichste Diskriminierungserfahrungen kreuzen, überlagern und verstärken. So erhalten Menschen, die in ihren Herkunftsstaaten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität verfolgt werden und diese Grenzen überwinden können, in Deutschland oft keinen Schutz. Denn Homosexualität und Trans*identität sind aus Perspektive des Staates keine ausreichenden Gründe, um politisches Asyl zu erhalten, obwohl in den Herkunftsländern Haftstrafen, Gewalt und teilweise sogar die Todesstrafe drohen. In Deutschland angekommen, setzen sich Gewalterfahrungen oft fort, weil ein Schutz vor Homo-, Trans*- und Inter*feindlichkeit fehlt, weil Rassismus und Diskriminierung Alltag sind. Rassismus, der nicht nur Geflüchtete betrifft, sondern auch andere Queers of Colour und zum Teil auch innerhalb der queeren Szene stattfindet.

Das Erstarken der AfD, die Demonstrationen „besorgter Eltern“ (die sog. „Demo für Alle“) und die Demonstrationen gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch (der sog. „Marsch für das Leben“) haben eines gemeinsam: Sie propagieren ein konservatives Familienbild und unemanzipatorische Rollenbilder, in denen die freie Entfaltung des Individuums hinter der von der Gesellschaft zugeschriebenen Aufgabe für das „Gemeinwohl“ zurückstehen muss. In Verknüpfung mit zutiefst rechtskonservativen und nationalen Bestrebungen wird der Erhalt der „eigenen Bevölkerung“ zur zentralen Aufgabe der Gesellschaft erklärt. Unter dem Deckmantel des „Kindeswohl“ werden Homo- Trans* und Inter*feindlichkeit ebenso wie Sexismus „kultiviert“ und das Recht der freien Entscheidung über den eigenen Körper moralisiert und abgesprochen. Auch der Zugang zu bestimmten Rechten, wie beispielsweise die gemeinschaftliche Adoption, wird auf heterosexuelle Paare eingeschränkt. Kindern und Jugendlichen wird zunehmend in Bildungseinrichtungen eine umfassende Sexualaufklärung, welche Themen wie Homosexualität, einen reflektierten Zugang zur eigenen Geschlechterrolle, Trans*- und Inter*identität aufgreift, mit dem Verweis auf eine vermeintliche „Frühsexualisierung“ verwehrt. Anstatt diese Lebensweisen als gleichwertig darzustellen, werden sie verschwiegen oder als „krankhaft“ und „gefährlich“ diffamiert. Mit Blick auf diese Entwicklungen müssen wir uns fragen, ob nicht die Ergebnisse vergangener Kämpfe wie die eingetragene Lebenspartnerschaft und eine gewisse Toleranz gegenüber Homosexualität, Trans*- und Inter*identität wieder verloren werden können. Es stellt sich jedoch auch die Frage, warum der Staat überhaupt so umfassende Rechte haben sollte, mit denen er über das Leben einzelner Menschen bestimmt.

Die Aufrechterhaltung des klassischen Familienbildes und die damit einhergehende Abwertung anderer Lebensentwürfe dient aber nicht nur dem „Erhalt der Nation“ im unmittelbaren Sinne. Vielmehr ist es gerade die klassische geschlechterstereotype Rollenverteilung, welche das kapitalistische System erhält und reproduziert. Nach wie vor gibt es eine gesellschaftlich breit akzeptierte Unterscheidung von Arbeit in sichtbare/honorierte Lohnarbeit und unsichtbare/mit wenig Wertschätzung verbundene Carearbeit. Es ist kein Zufall und keine natürliche Gegegebenheit, dasz circa 80% der Carearbeit (z.B. Pflege und Erziehung von Kindern, Hausarbeit, Pflege von Angehörigen) von Frauen* geleistet wird. Die Folge dieser unentgeltlichen Arbeit sind nicht selten finanzielle Abhängigkeit, prekäre Verhältnisse und ein höheres Armutsrisiko.

In der Logik des traditionellen Familienbildes („Vater-Mutter-Kind“) institutionalisieren Mann* und Frau* ihre Beziehung zur Familiengründung durch die Ehe, in der oft die klassische Rollenverteilung von Lohn- und Carearbeit bestehen bleibt. Von staatlicher Seite wird dieses System gestützt: Statt Familien dort zu fördern, wo sie stattfinden – in verschiedensten Konstellationen, die sich aus den jeweiligen Lebensentwürfen ergeben – wird an Eheprivilegien festgehalten, auch wenn verheiratete Paare kinderlos blieben. Im Kampf um die Gleichstellung nicht-heterosexueller Paare hat die rechtliche Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartner*innenschaft zwar eine große Rolle gespielt, die Kritik an den Zugängen zu Privilegien gilt hier aber gleichermaszen. Die Diskriminierung aller von Eheprivilegien ausgeschlossenen Familienkonstellationen wird nicht dadurch aufgehoben, dasz eine weitere abgegrenzte Gruppe privilegiert wird. Wir kritisieren die Strategie der Anpassung und Einpassung queerer Lebensweisen in bestehende Strukturen und Machtverhältnisse. Wir fordern eine selbstbestimmte und partizipatorische Lebens- und Familienplanung jenseits staatlicher Institutionalisierung und ohne Sanktionierung individueller Entscheidungen. Carearbeit muss (finanzielle) Wertschätzung erfahren und endlich unabhängig vom sozialisierten Geschlecht gerecht verteilt werden.

Sexismus, Rape Culture und Victim Blaming bleiben als internalisierte Verhaltensmuster in der Gesellschaft allgegenwärtig. Sie werden auch dadurch zum blinden Fleck, weil im Zuge der nationalistischen Ausprägung eine Abwertung „anderer“ Kulturen erfolgt, die den Kampf gegen Sexismus rechtspopulistisch besetzt und rassistisch instrumentalisiert.

Wir positionieren uns klar gegen Rassismus und Sexismus und alle anderen Diskriminierungsformen. Das bedeutet einerseits, dasz wir den antisexistischen Diskurs nicht den Rechtskonservativen überlassen werden, andererseits werden wir es nicht länger hinnehmen, dasz in linken und linksautonomen Strukturen Sexismus nicht reflektiert wird.

Die Normierung von Körpern durchzieht unsere Gesellschaft in allen Bereichen, festgemacht an Schönheitsidealen, der Klassifikation von „Gesundheit“ und „Krankheit“ wie auch an „Norm“ und vermeintlicher „Abweichung“. Die queere Community muss sich fragen, ob sie bis heute die Chance genutzt hat, diese innerhalb ihrer eigenen Strukturen zu überwinden. Auch hier werden Menschen, die bestimmten Normen nicht entsprechen oder entsprechen können, abgewertet und ausgegrenzt. Die strukturelle Diskriminierung bleibt bei veränderten Codes dieselbe. Die Körperideale der queeren Szene sind sehr oft: „jung“, „gesund“, „fit“, „dünn“ und stark an Stereotypen von Männlichkeit* und Androgynität orientiert. „Feminines“ Aussehen erfährt häufig Ablehnung. Für „dicke“, „kranke“ und „alte“ Körper ist kein Platz in den Begehrensstrukturen. Viele Veranstaltungen und Orte sind nicht zugänglich für Menschen mit Behinderungen. Auch Menschen, die Trans* oder Inter* sind, erfahren Ablehnung, weil ihre Körper nicht dem „Ideal“ des „eindeutigen“ Geschlechtskörpers entsprechen, welches auch in der queeren Szene stark verbreitet ist.

Die gängige Hierarchisierung von Diskriminierungsformen ist nicht nur grundsätzlich abzulehnen, sie führt auch dazu, dasz marginalisierte Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Wir rufen dazu auf, den Solidaritätsbegriff zu reflektieren, zu hinterfragen und auf Augenhöhe mit allen Beteiligten neu zu besetzen.

Der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben muss auch auch ein Kampf gegen Staat, Nation und Kapital sein. Wir kämpfen nicht nur für eine sexuelle Befreiung, sondern für eine befreite Gesellschaft. Wir wollen lieben, wen und wie wir wollen. Wir wollen die zweigeschlechtliche und sexistische Geschlechterordnung abschaffen, die allgegenwärtige Heteronormativität hinter uns lassen, nationale Grenzen einreiszen und die kapitalistischen Verhältnisse überwinden. Wir kämpfen für ein grenzenlos solidarisches und selbstbestimmtes Leben.

Aufruf 2015

Kämpfe verbinden!

„I wanna take you to a gay bar“ – Electric Six

Wir wollen dem Christopher-Street-Day (CSD) seine politische Sprengkraft zurückgeben, die sich im Jahr 1969 erstmals bei den Stonewall-Unruhen manifestierte. Ausgang dieser Unruhen war eine polizeiliche Razzia im Stonewall Inn, einer Bar in der Christopher-Street in New York, die auch den
innerhalb der Szene marginalisierten Queers einen Raum bot. So waren es vor allem obdachlose Jugendliche, Trans*idente, Schwarze Drag Queens und Butches, die am 28. Juni 1969 Opfer der staatlichen Repression wurden. Doch die kriminalisierten Menschen zerstreuten sich nicht. Sie blieben und initiierten einen ersten, fünf Tage andauernden militanten Widerstand gegen die rigide Sexualmoral, die homo- und trans*feindliche Gewalt und die Willkür staatlicher Behörden. Das war der Beginn der gay-liberation-Bewegung in den USA. In Deutschland sollte es noch weitere zwei Jahre dauern, bis sich durch Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ die ersten Gruppen formierten. Aus denen entstanden die Rosa
Radikalen als die Schwulenbewegung[1] der 1970er Jahre. Schwul war damals gleichbedeutend mit kriminell, abartig, krank und pervers. Doch statt sich diesen Zuschreibungen entgegenzustellen, wurden diese angeeignet. Man wollte dieser Gesellschaft unversöhnlich gegenübertreten und nicht nur gegen Diskriminierung kämpfen, sondern gegen die Strukturen, die diese hervorbrachten.

„We‘ve got to show them we‘re worse than queer“ – Bikini Kill

Und auch wenn die Rosa Radikalen aus heutiger Sicht in Theorie und Praxis zu kritisieren sind, sehen wir doch die Notwendigkeit an die ursprüngliche Radikalität zu erinnern, die zwischen Volksfeststimmung und Parteienwahlkampf auf dem CSD zu verschwinden droht. Zwar stellen queere
Personen die heterosexuelle zweigeschlechtliche Ordnung schon durch ihre bloße Lebensweise infrage, was sich nicht zuletzt in den Zahlen von lesben-, schwulen- und trans*feindlichen Übergriffen niederschlägt. Aber statt dadurch eine Kritik an dieser Gesellschaft zu entwickeln, scheint den meisten der Weg der Assimilation, der Angleichung an den bürgerlichen Mainstream, verheißungsvoller. War der Fetisch-Block wirklich einmal eine Kampfansage an die gesellschaftlichen Verhältnisse, so ist er heute zusammen mit den Tunten, Drags und Trans*menschen das Exotische, das zwar geduldet, von dem sich aber zugleich mit einem „Wir sind ja nicht alle so“ abgegrenzt wird. Aber deswegen wollen wir den CSD noch lange nicht aufgeben. Er bleibt Ausdruck eines Bewusstseins darüber, dass Straffreiheit und eine vergleichsweise große Liberalität noch lange nicht gleichbedeutend sind mit einer wirklichen Emanzipation. Dies und die unter den gegenwärtigen Verhältnissen immer noch progressive Raumnahme sind es, die den CSD für uns immer noch zu einer kritischen Veranstaltung machen. Uns soll es um mehr gehen, als um die Gleichstellung der so genannten Homo-Ehe. Wir wollen keine Toleranz, die am Ende nichts anderes bringt, als eine Angleichung an den Status Quo. Es braucht eine soziale Bewegung, der es nicht mehr nur um die gesellschaftliche Gleichberechtigung, sondern um die Freiheit einer grundsätzlich neuen Gesellschaft geht.

„Nothing’s about me or you honey, it’s all about the angst and the money.“ – Ja, Panik

Die Forderung nach staatlicher Anerkennung von nicht-heteronormativen Geschlechterverhältnissen und -beziehungen sind legitime Kämpfe, in denen in den vergangenen Jahren auch in der BRD einiges erreicht werden konnte. So wurde im Jahr 2001 gleichgeschlechtlichen Paaren durch die Einführung der Lebenspartnerschaft erstmals auch ein rechtlicher Rahmen ermöglicht. Auch das im November 2013 in Kraft getretene Gesetz, wonach intersexuellen Babys nicht mehr sofort nach der Geburt ein Geschlecht zugewiesen wird, lässt sich als ein Erfolg von Kämpfen um selbstbestimmtes Leben werten. Es sind jedoch nur kleine Schritte: die heterosexuelle Ehe und die Lebenspartnerschaft sind in vielerlei Hinsicht nicht gleichgestellt und trotz der Freilassung des Geschlechts in den ersten Lebensjahren ist es rechtlich nach wie vor nicht möglich, eine andere gender-Identität als männlich* oder weiblich* zu wählen oder die Kategorie „Geschlecht“ gänzlich abzulehnen. Trotz dieser rechtlich-politischen Erfolge, zeichnet sich in diversen neu-rechten und klerikalen Protesten ein geschlechterpolitischer Rollback ab. Zum einen zeigen Gesetzesänderungen nicht zwangläufig einen positiven Effekt im Alltag von LGBTTIQ*s (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Trans*idente, Intersexuelle und Queers). LGBTTIQ*-Feindlichkeit ist in der Gesellschaft tief verankert und beeinträchtigt das Leben der Menschen auch an Orten abseits staatlicher Diskriminierung. Angst und Isolation, Beleidigungen und Gewalterfahrungen sind keine Ausnahmen, sondern alltäglich im Leben derjenigen Menschen, die nicht in das hegemoniale Bild der heterosexuellen Kleinfamilie passen. Zum anderen ist gegenwärtig eine verstärkte Organisierung von Sexist*innen und LGBTTIQ*-Feind*innen festzustellen. So demonstrierten am 21. Juni 2015 in Stuttgart 4.000
Menschen gegen Schulaufklärung über Homo- und Transsexualität in Baden-Württemberg. Beim „Marsch für das Leben“ im Jahr 2014 in Berlin protestierten 5.000 Menschen gegen Abtreibungen und damit gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper. In beiden Beispielen der christlich-fundamentalistischen Bewegungen marschierte die Europaabgeordnete der Partei Alternative für Deutschland (AfD) Beatrix von Storch in der ersten Reihe.
Dabei steht der Erfolg der AfD exemplarisch dafür, dass erzielte Fortschritte stets umkämpft bleiben. Ein Grund sich nicht auf den Erfolgen auszuruhen. Denn in ökonomischen Krisensituationen können sich die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse derart umgestalten, dass für die allgegenwärtige „Toleranz“ plötzlich kein Platz mehr ist. Das Nebeneinander verschiedener „Lebensentwürfe“ kann ebenso schnell wieder zugunsten traditioneller, reaktionärer Geschlechter- und Beziehungskonzepte verworfen werden. Das globalisierte Kapital, welches die gegenwärtige Geschlechterpolitik der Exportnation Deutschland bestimmt, ist auf flexible gesellschaftliche Strukturen im Leben der Menschen angewiesen und findet in „alternativen“ Lebensstilen zu aller erst auch neue Verwertungsmöglichkeiten. Im Gegensatz dazu generiert sich die Politik der AfD aus den Interessen der deutschen Familienunternehmen, die sich auf regionale Märkte konzentrieren. Eine verstärkte EU-Integration verschärft lediglich Konkurrenz der lokal agierenden Unternehmen. Aus Entstehungskontext der AfD erklärt sich so auch deren reaktionäres Familienkonzept. Der Wunsch nach der patriarchalen Kleinfamilie wird in den Rollenbildern der AfD deutlich, die sich klar aus ihren Forderungen ergeben. Männer seien eben Männer und Frauen nun mal Frauen. Und eine Frau
ist eben eine Mutter, die jegliche Haus- und Erziehungsarbeit leistet, wohingegen der Mann, also der Vater, das Geld nach Hause bringt. Diese Ideologien werden u.a. auch von der besserverdienenden Arbeiter*innenklasse aufgegriffen, die damit ihre Abstiegsängste in der ökonomischen Krise in reaktionärer Weise verarbeitet. Dadurch kann die AfD in Wahlen erfolgreich sein und auch ihren Einfluss auf politische Entscheidungen verstärken. Das Beispiel AfD zeigt, wie gefährdet gesellschaftliche Emanzipationsprozesse und ein selbstbestimmtes Leben, angesichts fortschreitender Krisenerscheinungen und deren politischer Verschärfung, sein können.

Kämpfe verbinden!

Deswegen ist es notwendig, nicht nur LGBTTIQ*-Diskriminierung zu bekämpfen. Am Beispiel der Verschränkung zwischen Flucht und sexueller Diskriminierung wird deutlich, dass der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben, auch ein Kampf gegen Staat, Nation und Kapital sein muss. Denn während deutsche Staatsbürger*innen ihren Passeigentümer teilweise als Paradies der sexuellen Freiheit feiern, werden die Mauern um die Europäische Union höher und tödlicher denn je. Menschen, die in ihren Herkunftsstaaten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer non-konformen Geschlechteridentität verfolgt werden und diese Grenzen überwinden können, erhalten in Deutschland keinen Schutz. Denn Homo- und Transsexualität sind allein keine ausreichenden Gründe, um politisches Asyl und damit Schutz vor Gefängnis oder Todesstrafe zu bekommen. Deswegen kämpfen wir nicht nur für eine sexuelle Befreiung, sondern für eine befreite Gesellschaft! Wir wollen lieben, wen und wie wir wollen! Wir wollen die bipolare Geschlechterordnungen abschaffen, nationale Grenzen einreißen und die kapitalistischen Verhältnisse überwinden!

Wir kämpfen für ein grenzenlos solidarisches und selbstbestimmtes Leben!
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1 Es ist vielleicht schwierig, hier nicht von einer Lesbenbewegung zu sprechen, aber das ist teilwei-
se nicht ganz genau geklärt, auch gerade weil sich viele lesbische Frauen noch bis in die 80er hinein
selbst als schwul bezeichnet haben. Auch in der Literatur wird der Begriff sehr unterschiedlich ge-
braucht.