Redebeitrag 2018

Happy Pride! Pride. Stolz. Wir haben allen Grund stolz zu sein. Wir können stolz sein auf die Rechte, die wir uns erkämpft haben: Die Opfer des §175 wurden rehabilitiert. Die Homo-Ehe eingeführt. Das Bundesverfassungsgericht hat ein Urteil zugunsten einer dritten Option beim Geschlechtseintrag gefällt. Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz schützt lgbti vor Diskriminierung, egal wann und wo.
Wir können stolz sein auf die Solidarität innerhalb unserer Community. Darauf, dass es weltweit immer besser um die Rechte von lgbti bestellt ist. Darauf, dass es langsam aber sicher aufwärts geht. Zumindest ist es das, was wir uns an Tagen wie heute immer wieder gerne erzählen. Aber müsste es nicht heißen:
Wir können stolz sein auf die unvollständige Rehabilitierung der nach §175 Verfolgten? Auf die Gleichstellung der Ehe außer für Lesben und bisexuelle Frauen? Auf die Tatsache, dass die Frage nach einem dritten Geschlechtseintrag bei dem Arschloch Heimat-Horst liegt, der noch in den 80ern forderte, man müsse HIV-Positive in besondern Heimen konzentrieren. Und ob es ein Gleichbehandlungsgesetz gibt oder nicht ändert auch nichts daran, dass „schwul“ das beliebteste Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen ist und Angriffe auf lgbti immer noch zur Tagesordnung gehören, wie erst vor einem Monat gegen eine Studentin der Universität Leipzig.
Müsste es nicht heißen, wir sind stolz auf den Rassismus in unserer Community, wie er sich in Dating-Portalen und Tür-Politiken niederschlägt? Wir sind stolz darauf, dass Homosexualität in mehr als 70 Ländern unter Strafe steht, von denen in 13 sogar die Todesstrafe gilt?
All das heißt nicht, dass wir auf das, was wir schon erreicht haben nicht stolz sein dürften. Es heißt nur, dass es noch eine Menge zu tun gibt. Es heißt, dass wir noch vielen Problemen gegenüber stehen. Wenn wir diese Probleme angehen wollen, dann reichen die CSDs alleine nicht aus. Erst recht nicht, wenn sie zu Wahlkampfveranstaltungen verkommen. Wir sollten Momente wie heute nutzen. Momente wo wir gemeinsam als Perverse auf die Straße gehen und einfordern, was eh allen Menschen zustehen sollte: Ein Leben, eine Welt, in der man ohne Angst verschieden sein kann. Wir müssen diese Momente nutzen, um uns zusammenzuschließen. Nicht nur für einen Tag und nicht nur zu zweit als Ehe, sondern als eine Gemeinschaft, die füreinander einsteht. Die füreinander einsteht, weil sie die Ausschlussmechanismen in der eigenen Szene reflektiert: Rassismus und Antisemitismus; Frauen-, trans*- und Interfeindlichkeit; fehlende Barrierefreiheit und die Vorstellung, Menschen aufgrund ihres beruflichen Erfolgs beurteilen zu können. All dies sind natürlich nicht nur die Probleme unserer Community, sondern der gesamten Gesellschaft, aber diese gesamte Gesellschaft gilt es zu ändern. Und das heißt: Zeit den Arsch hochzukriegen!
Weil den Arsch hochzukriegen, ist etwas auf das wir stolz sein können. In Zeiten, in denen sich ein Innenminister freut, dass zu seinem 69. Geburtstag 69 Menschen abgeschoben werden; in Zeiten, in denen Rechtspopulismus und Islamismus die Freiheit und Menschlichkeit bedrohen; in Zeiten, in denen die Fluchtrouten nach Europa mit Gewalt geschlossen werden; kurz: in Zeiten, in denen es recht hoffnungslos aussieht, ist den Arsch hochzukriegen, nicht nur etwas, worauf wir stolz sein können, sondern das Einzige was uns bleibt!
Wir dürfen nicht hinnehmen, dass Trans*gender und intersexuelle Menschen noch immer pathologisiert und mit Gewalt in das Zwei-Geschlechter-System gezwungen werden! Wir dürfen nicht hinnehmen, dass Menschen wieder abgeschoben werden, obwohl ihnen Tod oder Gefängnis drohen, aufgrund ihrer Sexualität oder ihres Geschlechts! Wir dürfen nicht hinnehmen, dass uns ein selbstbestimmtes Leben immer noch nicht zugestanden wird!
Der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben, muss auch auch ein Kampf gegen Staat, Nation und Kapital sein. Wir kämpfen nicht nur für eine sexuelle Befreiung, sondern für eine befreite Gesellschaft. Wir wollen lieben, wen und wie wir wollen. Wir wollen die zweigeschlechtliche und sexistische Geschlechterordnung abschaffen, die allgegenwärtige Heteronormativität hinter uns lassen. Wir wollen nationale Grenzen einreißen und die kapitalistischen Verhältnisse überwinden. Wir kämpfen für ein grenzenlos solidarisches und selbstbestimmtes Leben!


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