Kampagne Teil 2 – Wer nicht wütend ist denkt nicht: Arbeitszwang/Hartz IV

Arbeitszwang/Hartz IV

Der Hass, den wir meinen,

richtet sich gegen ein System, das Menschen in unwürdige Abhängigkeitsverhältnisse zwingt. Mit der historischen Konstituierung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft vollzog sich ein Wandel im Arbeitsregime: der direkte Arbeitszwang vorkapitalistischer Gesellschaften wurde ersetzt durch indirekten ökonomischen Zwang. Der*die Arbeiter*in besitzt nun zwar formal die Freiheit, einer Arbeit nachzugehen oder auch nicht, de facto hält uns aber der stumme Zwang der Verhältnisse dazu an uns mit Lohnarbeit zu verdingen (und verdinglichen), da unsere Existenz vom Lohn abhängt. In der kapitalistischen Logik von Unternehmen ist Lohn ein zu minimierender Kostenfaktor. Die Abhängigkeit der Arbeiter*innen von einer Anstellung durch ihre Trennung von den Produktionsmitteln tut das Seine, der Lohn kann dauerhaft niedrig gehalten werden. Viele erkennen nicht einmal, dass sie einem Arbeitszwang unterliegen, sondern feiern diesen als Tugend: Arbeitswahn und Leistungsfetisch werden zu Kennzeichen des*r guten Bürgers*in.
Das Tempo der Entwicklung gesellschaftlicher Arbeitsproduktivität ist in den letzten Jahrzehnten atemberaubend gestiegen. Einen grundlegenden Wandel gab es aber auch im Umgang mit diesem Fortschritt: Anstatt wie früher infolge großen Wachstums gleichzeitig neue Arbeitsplätze zu schaffen, vollzieht sich der technische Fortschritt heute als ‚jobless growth‘. Wassily Leontief prophezeite, dass durch Technisierung und Automation „der Mensch als wichtigster Produktionsfaktor verschwinden wird, genauso wie einst das Pferd durch die Einführung des Traktors aus der landwirtschaftlichen Produktion verschwunden ist“ (Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft) Die Folgen sind ein Rückgang der Vollzeitbeschäftigung und ein dramatischer Anstieg der Arbeitslosigkeit – und das weltweit. Dieses unlösbare Problem führt mehr und mehr zur Spaltung der Gesellschaft in Reiche und Arme, Integrierte und Ausgegrenzte.
Eine scheinbare „Lösung“ des Problems entwickelt der deutsche Staat in Form des mit Wirkung zum Januar 2005 in Kraft getretenen sogenannten Hartz IV. Neben einer monatlichen Zahlung von 395€ beinhaltet das Programm viele sinnlose, erniedrigende und demotivierende Zwangsmaßnahmen, die den arbeitsuchenden Lohnarbeitslosen aufgezwungen werden. Hartz IV bedeutet einen Auschluss aus sozialem, kulturellem und gesellschaftlichem Leben mit wenig Aussicht auf Veränderung. Die Ursache der Arbeitslosigkeit wird damit keineswegs beseitigt oder auch nur angegangen. Im Gegenteil: den Betroffenen und der Öffentlichkeit wird eingeredet, sie seien selbst Schuld an ihrer Lage. Das Bild vom „faulen“, „unproduktiven“, „Schmarotzer“ findet in solch einer Darstellung seine Gültigkeit. Die Forderung des Apostel Paulus: „So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen.“ (2. Brief an die Thessalonicher, 3.10) wird zur Handlungsmaxime für die kapitalistische Arbeitsgesellschaft.
Dem Nach-unten-Treten gesellt sich nicht selten ein gesellschaftlicher Rassismus, der die „Zuwanderung in die Sozialsysteme“ verhindern will. Geflüchtete und Migrant*innen werden pauschal als „schmarotzende Horden“ stigmatisiert, der Staat und seine Bürger*innen als die personifizierte bedrohte Unschuld konstruiert. Die Identifikation mit Staat und Nation ist für viele eine Sinnstiftung im tristen Alltag von Lohnarbeit und Konkurrenz, die Ausgrenzung und Hetze gegen vermeintliche „Sozialschmarotzer“ eine Wohltat für die unzufriedene, lohnarbeitende Seele.

Wir wollen ein Schlaraffenland, einen Ort der Faulheit, des Überflusses und des exzessiven Konsums – Luxus für alle!


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