Wer nicht wütend ist, denkt nicht! – Aufruf 2017

„Wer nicht wütend ist, denkt nicht“

„1969 schrieb der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno den Satz: „Wer denkt ist (in aller Kritik) nicht wütend.“ Im selben Jahr entschlossen sich vor allem obdachlose Jugendliche, Trans*idente, Drag Queens of Colour und Butches im Stonewall Inn sehr wohl wütend zu werden. Sie leisteten militanten Widerstand gegen eine Razzia und damit gegen die rigide Sexualmorol, homo- und trans*feindliche Gewalt und die Willkür staatlicher Behörden.
Und auch wir wollen uns dieses Jahr nicht unter das Motto des Leipziger CSDs stellen: „Stop Hate“. Nicht nur wird so das Gedenken an den Aufstand auf eine gefällige, irgendwie moralische und inhaltsleere Forderung runtergebrochen; es beschreibt auch recht gut ein allgemeines Verhältnis zur Welt. Es ist vom heimischen Sofa aus natürlich einfach gegen Hass zu sein. Nur verändert hat sich damit immer noch nichts: Weder der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung in Syrien, dem Irak oder Afghanistan, noch der Vormarsch der rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien in Nordamerika und Europa, oder die Tatsache, dass immer noch hunderte Menschen an den europäischen Außengrenzen sterben oder in Tschetschenien systematisch schwule Männer verfolgt, gefoltert und ermordet werden.
Der ursprünglich radikale Kampf, der 1969 begann, ist im Laufe der Zeit abgeflacht und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Anstatt die radikale Kritik fortzuführen und unterdrückenden, diskriminierenden Strukturen und Institutionen gegenüberzutreten, verschwindet die Erinnerung an die Stonewall-Unruhen unter dem Namen Christopher-Street-Day (CSD) oft zwischen Volksfeststimmung und Parteienwahlkampf. Wir wünschen uns natürlich keine Zeit zurück, in der sexuelle und geschlechtliche Differenz wieder mit Steinen und Flaschen gegen die Knüppel der Polizei verteidigt werden müssen. Dennoch bleibt der CSD Ausdruck dessen, dass Straffreiheit und eine vergleichsweise große Liberalität noch lange nicht gleichbedeutend sind mit einer wirklichen Emanzipation. Das und die räumliche Präsenz, die der CSD innerhalb der Gesellschaft noch immer hat, zeugen von seinem politischen Potential für gesamtgesellschaftliche Veränderungen. Und diese Veränderungen sind bitter notwendig! Wer in Anbetracht des aktuellen Weltgeschehens mit moralisch erhobenem Zeigefinger ein Ende des Hasses fordert, sitzt dem Irrtum auf, dass es die einzelnen Menschen sind, die sich ändern müssten und nicht die Verhältnisse. Gerade wenn wir uns kritisch mit der Welt, in der wir leben, auseinandersetzen, werden wir wütend, fangen an zu hassen. Der Hass, den wir meinen ist ein Hass auf Strukturen und nicht auf Menschen. Der Hass, den wir meinen, ist aber kein dumpfer, projektiver Hass aus Ressentiment, wie er sich von Pegida bis zur AfD findet. Der Hass, den wir meinen, ist Produkt und Motor unserer Kritik.