Archiv für Mai 2016

Emanzipatorische Kämpfe verbinden! Kurz-Aufruf zum emanzipatorischem Block zum Leipziger CSD

Auch dieses Jahr wird es wieder den emanzipatorischen Block geben. Wir werden an der Demonstration teilnehmen, ebenso wird es spannende Veranstaltungen zu Themen wie Kapitalismuskritik, Geschichte der Homosexualitäten und der neuen Rechten geben. Wir – das ist ein Bündnis verschiedener Gruppen und Einzelpersonen aus Leipzig, die in kritischer Solidarität dem CSD gegenüberstehen.

Das Erstarken der AfD, die Demonstrationen „besorgter Eltern“ und der „Schweigemarsch für das Leben“ haben eines gemeinsam: Sie propagieren ein konservatives Familienbild und unemanzipatorische Rollenbilder, in denen die freie Entfaltung des Individuums hinter rechtskonservativen und nationalen Bestrebungen zum Erhalt der „eigenen Bevölkerung“ zurückstehen muss. Unter dem Deckmantel des „Kindeswohl“ werden Homo-, Trans* und Inter*feindlichkeit ebenso wie Sexismus „kultiviert“, das Recht der freien Entscheidung über den eigenen Körper moralisiert und abgesprochen. Gleichzeitig wird der Kampf gegen Sexismus und Homofeindlichkeit rassistisch instrumentalisiert. Mit Blick auf diese Entwicklungen müssen wir uns fragen, ob die Ergebnisse vergangener Kämpfe nicht wieder verloren werden können. Gleichzeitig stellt sich die Frage, warum der Staat überhaupt das Recht haben sollte, über das Leben einzelner Menschen zu bestimmen.

Die klassische geschlechterstereotype Rollenverteilung ist essentiell für das kapitalistische System. Nach wie vor gibt es eine gesellschaftlich breit akzeptierte Unterscheidung von Arbeit in sichtbare/honorierte Lohnarbeit und unsichtbare/mit wenig Wertschätzung verbundene Carearbeit, welche zu circa 80% von Frauen* ausgeübt wird. Die Folge sind nicht selten finanzielle Abhängigkeit und Armut. Carearbeit muss (finanzielle) Wertschätzung erfahren und endlich unabhängig vom sozialisierten Geschlecht gerecht verteilt werden.

Statt Familien dort zu fördern, wo sie stattfinden, wird an Eheprivilegien festgehalten. Wir kritisieren die Strategie der Anpassung queerer Lebensweisen an bestehende Machtverhältnisse. Wir fordern eine selbstbestimmte und partizipatorische Lebens- und Familienplanung jenseits staatlicher Institutionalisierung und ohne Sanktionierung individueller Entscheidungen.

Menschen, die in ihren Herkunftsstaaten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität verfolgt werden, erhalt oftmals kein Asyl, obwohl in den Herkunftsländern Haftstrafen, Gewalt und teilweise die Todesstrafe drohen. In Deutschland angekommen setzen sich Gewalterfahrungen für sie oft fort, weil Rassismus und Diskriminierung Alltag sind. Rassismus, der nicht nur Geflüchtete betrifft, sondern auch andere Queers of Colour, und zum Teil auch innerhalb der queeren Szene stattfindet.

Wir positionieren uns klar gegen Rassismus und Sexismus und alle anderen Diskriminierungsformen. Die gängige Hierarchisierung von Diskriminierungen ist nicht nur grundsätzlich abzulehnen, sie führt auch dazu, dasz marginalisierte Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Wir rufen dazu auf, den Solidaritätsbegriff zu reflektieren, zu hinterfragen und auf Augenhöhe mit allen Beteiligten neu zu besetzen.

Der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben muss auch auch ein Kampf gegen Staat, Nation und Kapital sein. Wir kämpfen nicht nur für eine sexuelle Befreiung, sondern für eine befreite Gesellschaft. Wir wollen lieben, wen und wie wir wollen. Wir wollen die zweigeschlechtliche und sexistische Geschlechterordnung abschaffen, die allgegenwärtige Heteronormativität hinter uns lassen, nationale Grenzen einreiszen und die kapitalistischen Verhältnisse überwinden. Wir kämpfen für ein grenzenlos solidarisches und selbstbestimmtes Leben.

Die Infos zu unseren Veranstaltungen findet ihr hier. Den langen Aufruf hier.

Aufruf 2016

Emanzipatorische Kämpfe verbinden! Aufruf zum emanzipatorischem Block zum CSD

Auch dieses Jahr wird es wieder den emanzipatorischen Block geben. Wir werden an der Demonstration mit einem eigenen Wagen und Redebeiträgen teilnehmen, auszerdem wird es spannende Veranstaltungen vor, während und nach der CSD-Woche geben. Wir planen Filmvorführungen, Diskussionen und Workshops zu Themen wie Kapitalismuskritik, Geschichte der Homosexualitäten und kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und kulturellen Dimensionen von Homo-, Trans*, und Inter*feindlichkeit. Wir – das ist ein Bündnis verschiedener Gruppen und Einzelpersonen aus Leipzig, die in kritischer Solidarität dem CSD gegenüberstehen.

Mit Blick auf die Stonewall Riots 1969, an die der Christopher Street Day erinnern will, sehen wir die Notwendigkeit an deren Radikalität zu erinnern. Der Ausgangspunkt dieser Unruhen war eine polizeiliche Razzia im Stonewall Inn, einer Bar in der Christopher-Street in New York, die auch den innerhalb der Szene marginalisierten Queers einen Raum bot. So waren es vor allem obdachlose Jugendliche, Trans* of Colour, Schwarze Drag Queens und Butches, die am 28. Juni 1969 Opfer der staatlichen Repression wurden. Doch die kriminalisierten Menschen zerstreuten sich nicht. Sie blieben und initiierten einen ersten, fünf Tage andauernden militanten Widerstand gegen die rigide Sexualmoral, die homo- und trans*feindliche Gewalt und die Willkür staatlicher Behörden. Sie besetzten den öffentliche Raum; Queers setzten sich gemeinsam gegen die Pathologisierung und Kriminalisierung ihrer geschlechtlichen und sexuellen Identitäten zur Wehr.

Die Identitäten von Menschen sind nicht nur durch ihr Geschlecht oder ihr sexuelles Begehren bestimmt, vielmehr können sich unterschiedlichste Diskriminierungserfahrungen kreuzen, überlagern und verstärken. So erhalten Menschen, die in ihren Herkunftsstaaten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität verfolgt werden und diese Grenzen überwinden können, in Deutschland oft keinen Schutz. Denn Homosexualität und Trans*identität sind aus Perspektive des Staates keine ausreichenden Gründe, um politisches Asyl zu erhalten, obwohl in den Herkunftsländern Haftstrafen, Gewalt und teilweise sogar die Todesstrafe drohen. In Deutschland angekommen, setzen sich Gewalterfahrungen oft fort, weil ein Schutz vor Homo-, Trans*- und Inter*feindlichkeit fehlt, weil Rassismus und Diskriminierung Alltag sind. Rassismus, der nicht nur Geflüchtete betrifft, sondern auch andere Queers of Colour und zum Teil auch innerhalb der queeren Szene stattfindet.

Das Erstarken der AfD, die Demonstrationen „besorgter Eltern“ (die sog. „Demo für Alle“) und die Demonstrationen gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch (der sog. „Marsch für das Leben“) haben eines gemeinsam: Sie propagieren ein konservatives Familienbild und unemanzipatorische Rollenbilder, in denen die freie Entfaltung des Individuums hinter der von der Gesellschaft zugeschriebenen Aufgabe für das „Gemeinwohl“ zurückstehen muss. In Verknüpfung mit zutiefst rechtskonservativen und nationalen Bestrebungen wird der Erhalt der „eigenen Bevölkerung“ zur zentralen Aufgabe der Gesellschaft erklärt. Unter dem Deckmantel des „Kindeswohl“ werden Homo- Trans* und Inter*feindlichkeit ebenso wie Sexismus „kultiviert“ und das Recht der freien Entscheidung über den eigenen Körper moralisiert und abgesprochen. Auch der Zugang zu bestimmten Rechten, wie beispielsweise die gemeinschaftliche Adoption, wird auf heterosexuelle Paare eingeschränkt. Kindern und Jugendlichen wird zunehmend in Bildungseinrichtungen eine umfassende Sexualaufklärung, welche Themen wie Homosexualität, einen reflektierten Zugang zur eigenen Geschlechterrolle, Trans*- und Inter*identität aufgreift, mit dem Verweis auf eine vermeintliche „Frühsexualisierung“ verwehrt. Anstatt diese Lebensweisen als gleichwertig darzustellen, werden sie verschwiegen oder als „krankhaft“ und „gefährlich“ diffamiert. Mit Blick auf diese Entwicklungen müssen wir uns fragen, ob nicht die Ergebnisse vergangener Kämpfe wie die eingetragene Lebenspartnerschaft und eine gewisse Toleranz gegenüber Homosexualität, Trans*- und Inter*identität wieder verloren werden können. Es stellt sich jedoch auch die Frage, warum der Staat überhaupt so umfassende Rechte haben sollte, mit denen er über das Leben einzelner Menschen bestimmt.

Die Aufrechterhaltung des klassischen Familienbildes und die damit einhergehende Abwertung anderer Lebensentwürfe dient aber nicht nur dem „Erhalt der Nation“ im unmittelbaren Sinne. Vielmehr ist es gerade die klassische geschlechterstereotype Rollenverteilung, welche das kapitalistische System erhält und reproduziert. Nach wie vor gibt es eine gesellschaftlich breit akzeptierte Unterscheidung von Arbeit in sichtbare/honorierte Lohnarbeit und unsichtbare/mit wenig Wertschätzung verbundene Carearbeit. Es ist kein Zufall und keine natürliche Gegegebenheit, dasz circa 80% der Carearbeit (z.B. Pflege und Erziehung von Kindern, Hausarbeit, Pflege von Angehörigen) von Frauen* geleistet wird. Die Folge dieser unentgeltlichen Arbeit sind nicht selten finanzielle Abhängigkeit, prekäre Verhältnisse und ein höheres Armutsrisiko.

In der Logik des traditionellen Familienbildes („Vater-Mutter-Kind“) institutionalisieren Mann* und Frau* ihre Beziehung zur Familiengründung durch die Ehe, in der oft die klassische Rollenverteilung von Lohn- und Carearbeit bestehen bleibt. Von staatlicher Seite wird dieses System gestützt: Statt Familien dort zu fördern, wo sie stattfinden – in verschiedensten Konstellationen, die sich aus den jeweiligen Lebensentwürfen ergeben – wird an Eheprivilegien festgehalten, auch wenn verheiratete Paare kinderlos blieben. Im Kampf um die Gleichstellung nicht-heterosexueller Paare hat die rechtliche Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartner*innenschaft zwar eine große Rolle gespielt, die Kritik an den Zugängen zu Privilegien gilt hier aber gleichermaszen. Die Diskriminierung aller von Eheprivilegien ausgeschlossenen Familienkonstellationen wird nicht dadurch aufgehoben, dasz eine weitere abgegrenzte Gruppe privilegiert wird. Wir kritisieren die Strategie der Anpassung und Einpassung queerer Lebensweisen in bestehende Strukturen und Machtverhältnisse. Wir fordern eine selbstbestimmte und partizipatorische Lebens- und Familienplanung jenseits staatlicher Institutionalisierung und ohne Sanktionierung individueller Entscheidungen. Carearbeit muss (finanzielle) Wertschätzung erfahren und endlich unabhängig vom sozialisierten Geschlecht gerecht verteilt werden.

Sexismus, Rape Culture und Victim Blaming bleiben als internalisierte Verhaltensmuster in der Gesellschaft allgegenwärtig. Sie werden auch dadurch zum blinden Fleck, weil im Zuge der nationalistischen Ausprägung eine Abwertung „anderer“ Kulturen erfolgt, die den Kampf gegen Sexismus rechtspopulistisch besetzt und rassistisch instrumentalisiert.

Wir positionieren uns klar gegen Rassismus und Sexismus und alle anderen Diskriminierungsformen. Das bedeutet einerseits, dasz wir den antisexistischen Diskurs nicht den Rechtskonservativen überlassen werden, andererseits werden wir es nicht länger hinnehmen, dasz in linken und linksautonomen Strukturen Sexismus nicht reflektiert wird.

Die Normierung von Körpern durchzieht unsere Gesellschaft in allen Bereichen, festgemacht an Schönheitsidealen, der Klassifikation von „Gesundheit“ und „Krankheit“ wie auch an „Norm“ und vermeintlicher „Abweichung“. Die queere Community muss sich fragen, ob sie bis heute die Chance genutzt hat, diese innerhalb ihrer eigenen Strukturen zu überwinden. Auch hier werden Menschen, die bestimmten Normen nicht entsprechen oder entsprechen können, abgewertet und ausgegrenzt. Die strukturelle Diskriminierung bleibt bei veränderten Codes dieselbe. Die Körperideale der queeren Szene sind sehr oft: „jung“, „gesund“, „fit“, „dünn“ und stark an Stereotypen von Männlichkeit* und Androgynität orientiert. „Feminines“ Aussehen erfährt häufig Ablehnung. Für „dicke“, „kranke“ und „alte“ Körper ist kein Platz in den Begehrensstrukturen. Viele Veranstaltungen und Orte sind nicht zugänglich für Menschen mit Behinderungen. Auch Menschen, die Trans* oder Inter* sind, erfahren Ablehnung, weil ihre Körper nicht dem „Ideal“ des „eindeutigen“ Geschlechtskörpers entsprechen, welches auch in der queeren Szene stark verbreitet ist.

Die gängige Hierarchisierung von Diskriminierungsformen ist nicht nur grundsätzlich abzulehnen, sie führt auch dazu, dasz marginalisierte Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Wir rufen dazu auf, den Solidaritätsbegriff zu reflektieren, zu hinterfragen und auf Augenhöhe mit allen Beteiligten neu zu besetzen.

Der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben muss auch auch ein Kampf gegen Staat, Nation und Kapital sein. Wir kämpfen nicht nur für eine sexuelle Befreiung, sondern für eine befreite Gesellschaft. Wir wollen lieben, wen und wie wir wollen. Wir wollen die zweigeschlechtliche und sexistische Geschlechterordnung abschaffen, die allgegenwärtige Heteronormativität hinter uns lassen, nationale Grenzen einreiszen und die kapitalistischen Verhältnisse überwinden. Wir kämpfen für ein grenzenlos solidarisches und selbstbestimmtes Leben.